• Ralph Eckert
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Trickstoß- oder Artistic Pool-WM?

Trickstoß? Was ist das überhaupt? Billard Artistique? Das sind doch die Figuren, die auf einem Karambolage-Tisch gespielt werden - oder? Artistic Pool? Was soll man sich nun darunter wieder vorstellen? Ist es Show oder Wettkampf? Es ist etwas kompliziert. Bringen wir doch einfach mal Licht ins Dunkel!

Angefangen hat alles mit der Entdeckung von Francois Mingaud! Monsieur Mingaud war es nämlich, der vermutlich um 1818 auf die Idee kam, auf seine Queuespitze ein Leder draufzukleben. Erst jetzt, nach dem schon seit Jahrhunderten das Spiel mit den Kugeln bekannt war! Echt wahr! Was hat nun aber eine der wesentlichsten Entdeckungen im Billiard mit Trickstoß beziehungsweise Artistic Pool zu tun? Nun - Monsieur Mingaud ließ es sich nicht nehmen, in verschiedenen Vorführungen zu zeigen, was für Stöße mit seiner Entdeckung plötzlich möglich waren. Seine Vorführungen dürften die ersten Trickstoß- oder Artistic Pool Shows der Welt gewesen sein. Die „Billiard Encyclopedia“ bezeichnet ihn als „Vater des Artistic Billiards“. 1827 wurde schließlich sein „Book of Trickshots“ veröffentlicht - eines der ersten Billardbücher überhaupt! Die Illustrationen zeigten seine Stöße auf 12-Fuß-Tischen mit 6 Taschen.

Ich halte es schon für sehr amüsant, dass erst nach Jahrhunderten jemand auf die Idee kommt, ein Stück Leder auf seinen Holzstock zu kleben und dann gleich anfängt der Welt Privatvorführungen zu geben, um zu zeigen, was nun alles geht! Effet gab es vorher wohl nur sehr bedingt. Kaum ist zum ersten Mal ein Leder auf ein Queue geklebt, wurde nicht mit Grundlagen angefangen, sondern gleich mit Trickstößen! Auch nicht mit Grundlagen bildenden Lehrbüchern, sondern gleich mit einem Lehrbuch über Trickstöße. Und Mingauds Fähigkeiten mussten schon enorm gewesen sein, denn einige seiner veröffentlichten Stöße sind extrem schwierig auszuführen – auch heute noch!

Ich halte es schon für sehr amüsant, dass erst nach Jahrhunderten jemand auf die Idee kommt, ein Stück Leder auf seinen Holzstock zu kleben und dann gleich anfängt der Welt Privatvorführungen zu geben, um zu zeigen, was nun alles geht!

Mr. Mingaud musste wohl erst verschwinden, bevor sich auch andere Vertreter des Genres trauten, eigene Werke über Trickstöße zu schreiben. Erst 1898 publizierte Mr. Thatcher eine große Sammlung an „Fancy“-Dreibandstößen. Ihm folgte schon im nächsten Jahr Mr. Stancliffe. 1902 erschien das Buch von Mr. Fred Herrmann und 1908 ging ein Mr. Hood mit einem speziellen Band über „Pool Billiard Tricks“ an die Öffentlichkeit. Das bekannte Buch von Jimmy Caras (1948) - ich bin stolzer Besitzer eines signierten Exemplares! - kann als „Update“ aller bisher erschienenen Trickstöße gesehen werden. Auch aus diesem Klassiker habe ich 1985 meine erste Trickshow zusammengestellt und schon im selben Jahr in einem Offizierscasino der Bundeswehr vorgeführt. Mosconis Buch aus dem Jahre 1965 wiederum gibt viele Erklärungen zu bekannten Stößen und neuen eigenen Kreationen. 1981 folgte mit „Winning Pool & Trick Shots“ ein Buch von Nick Varner und 1982 brachte Robert Byrne sein „Treasury of Trickshots in Pool & Billiards“ heraus. Ab 2003 steht den Spielern auch Mike Massey’s Buch „World of Trickshots“ zur Verfügung.

Wieso denn überhaupt Trickstöße oder Artistic Pool? Man versetze sich einfach mal in die Lage eines Topspielers. Sobald dieser abseits vom Turniergeschehen auf Partys eingeladen wird oder im Rahmen anderer Festlichkeiten einmal aufgefordert wird, doch ein Wenig seines Könnens vorzuführen, sind es doch gerade diese spektakulären Stöße, welchen es gelingt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln und es für diese Kunst zu faszinieren. Seit jeher gehörte es also dazu, sich als Topspieler ein kleines Repertoire an Trickstößen oder Kunststößen anzueignen.

Große Vertreter dieser Kunst waren vor allem immer wieder die Billard-Weltmeister. Ralph Greenleaf (11-facher Weltmeister zwischen 1919 und 1937) zum Beispiel bekam schon in den 20er- und 30er-Jahren für heutige Verhältnisse astronomische Gagen für seine Shows! Doch auch seine Nachfolger Jimmy Caras und Willie Mosconi waren nicht nur Spitzenklasse in der damals vorherrschenden Disziplin 14/1e, sondern auch als Trickstoß- und Artistic Pool-Spieler! Genauso wie Willie Hoppe auf Seiten des Karambolage, also jenem Billard mit nur drei Kugeln auf einem Tisch ohne Löcher.

Ralph Greenleaf bekam schon in den 20er- und 30er-Jahren für heutige Verhältnisse astronomische Gagen für seine Shows!

Im Karambolage entwickelte sich unter der Bezeichnung „Artistik-Billard“ zuerst ein festes Stoßprogramm, welches 68 Stöße umfasste und als Wettbewerb ausgetragen wurde. Laut der „New illustrated Encyclopedia of Billiards“ wurde der erste Welt-Titel 1986 ausgespielt. Ein Rekord in einem Welt-Titel Match hingegen sei schon 1984 von Raymond Steylaerts aufgestellt worden – was mich von den Jahreszahlangaben ein wenig verwirrte. Wie dem auch sei - es gibt diesen Bewerb auch heute noch!

Im Pool Billiard gab es nur hin und wieder mal ein paar mehr oder weniger relevante „Spaß“-Trickstoß-Turniere, die gewöhnlich per Applausmessung, Abstimmung oder mittels einer Jury entschieden wurden. So auch schon in Europa gegen Mitte der 80er-Jahre während der offiziellen EM. Schwupps! - und schon gab es den ersten Europameistertitel im Trickstoß! Herausragender Sieger in diesen Jahren war Edgar Nickel, der jedoch seit den 90ern nur noch sehr zurückgezogen spielt. Man konnte sich seinerzeit für die Trickstoß-EM nicht qualifizieren. Auf eine einschlägige Anfrage hin (Ähem – meinerseits!) nahm man diesen Bewerb wieder aus dem Programm, was natürlich nicht meine Intention war: Ich wollte mich nur auf sportlichem Wege qualifizieren und dann gewinnen! Tschuldigung!

Doch auch in den USA geschahen in dieser Zeit witzige Sachen. So gab es einen Spieler, der sich schon „Dutzendfacher Weltmeister“ im Trickstoß nannte und diesen Titel auch regelmäßig bei sich Zuhause rausspielte – unabhängig davon, ob sich nun noch Mitspieler fanden oder nicht... Anfang der 90er Jahre war es dann Mr. Larry Grindinger (heute nennt er sich „Fast Larry Gunninger“), der eine „Trickshot and Artistic Shooters Association“, kurz TASA gründete - eine Organisation, der jedoch nur bescheidener Erfolg zuteil wurde. Was mutmaßlich an dem wirklich grausam schweren Stoßprogramm sowie der mangelnden Bereitschaft der inzwischen multiplen Trickstoßweltmeister lag, sich einem solchen Programm zu stellen.

In Europa gibt es nun schon seit weit mehr als 10 Jahren auf dem Sender Eurosport die so genannte „Trickshot World Championship“ zu sehen, die von Matchroom organisiert wird: Dies ist ein „Einladungs-Wettbewerb“, in dem ca. 8 eingeladene Spieler über 10 bis 20 Minuten ihr eigenes „Freistil“-Programm zeigen. Bewertet wird per Applausmessung oder Jury. Freilich gibt es hier keine offizielle WPA-Anerkennung. Die Leistungen – vor allem wenn es um Unterhaltung geht – sind hier jedoch sicherlich hoch zu bewerten, sonst würde es auch nicht nachhaltig im TV zu sehen sein.

Anders wieder in den USA! Hier ist es der unabhängige Promoter Mr. Matt Braun, der neben anderen Pool Billiard Events auch Trickstoßturniere im jährlichen Programm hat. „Trick Shot Magic“ heißt der Erfolgreichste, gefolgt vom “World Cup of Trickshot” und neuerdings auch vom “Extrem Trickshot Challenge”! Alles Top organisierte Events mit sehr ansehnlichem Preisgeld und Ausstrahlung auf dem weltweit größten Sportsender ESPN. Auch geht es hier weitaus „sportlicher“ zu als man zunächst denken mag - darf doch jeder Spieler nur Stöße aus einem gemeinsam erstellten Programm auswählen. Ein Programm, das zwischenzeitlich auf über 200 Stöße angestiegen ist! Dann spielt dort jeder Spieler gegen einen anderen (Viertelfinale, Halbfinale, Finale). Jeder sucht aus dem gegebenen Fundus eine vorgegebene Anzahl Stöße aus und dann werden diese wechselseitig durchgespielt und man bekommt entsprechend festgelegte Punkte. Keine Show-Wertung, keine Applausmessung, keine „Fach-“ Jury, aber unter den Augen eines kompetenten Schiedsrichters, der die korrekte Ausführung der Stöße überwacht. Doch auch hier steht „Einladung“ ganz oben, wenn es um die Frage geht, wie man sich dafür qualifizieren kann. Doch orientiert sich Matt Braun hier nicht nur nach seinem persönlichen Gefühl, sondern auch an den aktuellen „Artistic Pool“-Ranglisten. Doch dazu später.

Zunächst sei einmal festgehalten, dass es durch die beiden verschiedenen Promoter (Matchroom/Matt Braun) und den beiden Sportsendern (ESPN/Eurosport) in Europa andere Stars gibt als in den USA. Als ich zum Beispiel dieses Jahr zum World Cup of Trickshots eingeladen wurde (Team USA gegen Team Europa) und ich nach meinen Teammitgliedern befragt wurde, stellte sich schnell heraus, dass diese bei den Fragestellern weniger bekannt waren. Stefano Pelinga aus Italien, Lukasz Szywala aus Polen oder Nick Nikolaidis aus Griechenland (bzw. aktuell Kanada)? Jeder hat gleich gedacht, dass dies ein wohl eher zweitklassiger Event sein müsse, was natürlich völlig daneben ist. Die genannten Spieler sind in den USA durch Matt Braun Events und ESPN sehr bekannt und absolute Weltspitze! Sie sind halt nur in Europa weniger bekannt. Dort wiederum gibt es die Spieler, die von Matchroom und Eurosport gepowert werden. Allen voran zum Beispiel Bogdan Wolkowski oder Vincent Facquet, die in Europa sicherlich sehr bekannt sind, aber dafür in den USA eher weniger. Und eben dieser mangelnden Transparenz möchte ich mit diesem Artikel etwas entgegen wirken. Erwähnt sei noch, dass es zumindest einen gibt, der weltweit gleich bekannt zu sein scheint und dies ist der schon legendäre Mike Massey!

Doch seit 2003 finden auch reguläre Artistic Pool Meisterschaften mit offizieller Anerkennung der WPA (World Pool Association) statt. Es gibt darin ein offizielles Stoßprogramm, welches seit knapp 4 Jahren auch alle 2 Jahre geändert wird, damit nicht immer dieselben Stöße dran kommen! Das Programm besteht zurzeit aus knapp 120 Stößen, aus welchem 56 Stöße für 2 Jahre das aktuelle Turniergeschehen bestimmen. Jedes Jahr kommen neue Stöße hinzu, die jeder Spieler einreichen kann und einem Komitee obliegt es, daraus neue Stöße für das aktuelle Programm auszuwählen. In dieser offiziellen und regulären Weltmeisterschaft habe auch ich 2004 meinen Titel errungen.

„Doch seit 2003 gibt es also auch reguläre Artistic Pool Meisterschaften mit offizieller Anerkennung der WPA!“

Wie läuft denn so eine Artistic Pool Weltmeisterschaft ab? Nun - momentan treffen sich da knapp dreißig Spezialisten aus aller Welt. Na ja, zugegebenermaßen waren bei der letzten WM zweiundzwanzig davon aus den USA. Alle spielen über die ersten beiden Tage hinweg das komplette 56er-Stoßprogramm durch. Dieses beinhaltet Stöße in Schwierigkeitsgraden von sechs bis zehn. Die Stöße unter sechs zählen zum Amateurprogramm. Nachdem jeder Teilnehmer das Programm komplett durchgespielt hat, gibt es am Ende eine klare Punkterangliste, in der es nur selten zu einem Gleichstand kommt. Anschließend wird ein „Cut“ bei den TOP 12 gemacht. Die ersten vier dieser zwölf Spieler sind gesetzt im Viertelfinale, die anderen acht spielen ein Achtelfinale unter sich aus. Dessen Gewinner spielen gegen die gesetzten Vier. Die neuen Gewinner kämpfen im Halbfinale um den Finaleinzug.

Wie wird aber nun so eine Begegnung im direkten Aufeinandertreffen entschieden? Jeder darf aus dem 56er-Programm acht Stöße auswählen, was zusammen sechzehn Stöße ergibt. Dann spielt halt einer seinen ersten Stoß vor und der Andere muss ihn nachmachen. Ist es beispielsweise ein Stoß mit Schwierigkeitsgrad „10“, dann bekommt derjenige, der ihn beim ersten Versuch bewältigt, zehn Punkte und derjenige, der ihn beim zweiten Versuch schafft, nur neun Punkte. Beim dritten Versuch gibt’s noch acht Punkte und danach keinen mehr! Das Ganze natürlich auch mit Schiedsrichter und allem drum und dran. Es gibt Startgelder und dementsprechend auch Preisgelder, welche ob der geringen Teilnahmefelder doch eher gering sind. Jedoch werden sie durch so manchen Sponsor dann doch noch aufgewertet.

Hoffentlich ist es mir gelungen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Ab sofort soll hier zusätzlich eine kleine Artistic Pool- oder auch Trickstoß-Kolumne regelmäßig erscheinen. Das offizielle Stoßprogramm des Artistic Pool-Verbandes kann sich sicherlich jeder herunterladen (www.artisticpoolplayers.com), doch wird er dort nur die Regeln finden, eine Tischgrafik und ein Rahmen, in dem er die beteiligten Bälle verlegen darf. Es wird also kein Hinweis gegeben, wie der Stoß letztlich ausgeführt werden muss. Und genau das möchte ich nach und nach in dieser Kolumne tun. Und da seid auch ihr gefragt. Welcher Stoß aus dem Programm macht euch am meisten Probleme? Wie wird Stoß X genau aufgestellt? Brauche ich für Stoß Y ein spezielles Queue? Gibt es neben der Weltmeisterschaft auch noch andere Meisterschaften? Wie kann ich mich qualifizieren? Wer auf solche Fragen Antworten haben möchte, kann gerne die Redaktion anschreiben. Diese leitet die Fragen an mich weiter und ich werde sie nach und nach in dieser Kolumne beantworten.

Wer so lange nicht warten möchte, kann mich natürlich auch gerne auf ein persönliches Artistic Pool-Training ansprechen, oder wenn es genügend Interessenten gibt, bin ich auch gerne mal bereit einen kompletten Artistic Pool Kurs abzuhalten. Und wer weiß – vielleicht fahren wir dann eines Tages zusammen auf die nächste Artistic Pool Weltmeisterschaft?

Viele Grüße!

Euer Ralph Eckert

Mannheim, den 27.12.2008

 

 

Shows

  • 28. August 2010 beim B.I.G. Trier e.V. Schönbornstr. 27-29, 54295 Trier. Ab 16 Uhr.  
  • 29. Mai 2010 im Vulkan Stern Casino. Lindenstr. 2, 21244 Buchholz. Ab 19 Uhr. 
  • 30. April 2010 im "New BIG BEN" Billard Center in Giessen (Heuchelheim). 
  • 18.-21. March 2010 at Superbilliardsexpo, Valley Forge (Philadelphia Area, USA)
  • 18. Dez. 2009 Trickshow in Mannheim (Casino F2, Quadrat F2, Haus Nr. 3)
  • 12. Dez. 2009 Trickshow in Simmern (Greyhound Billard & Lounge)
  • 24.-25. Nov. 2009 Trickshow in Maribor, Slowenien
  • 13. Nov. 2009 Trcikshow in München, Riem Arkaden
  • 29.Okt. 2009 ESPN World Cup of Trickshots, Mohegan Sun Casino, Uncasville, CT. (USA)
  • 27. Okt. 2009 Trickshow at Pool Table Magic in Hartford, CT. (USA)
  • 09. Okt. 2009 Trickshow in Erding
  • 03. Okt. 2009 Trickshow in Kiel
  • 02. Okt. 2009 Trickshow in Nußloch (bei Heidelberg)
  • 26. Sept. 2009 Trickshow in Passau, Café "Alibi"




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